.....Meine neue Depression hatte mit der alten nur noch den Namen gemein. Es gab keine Spaziergänge es gab kein Denken mehr, es gab nur noch Dunkelheit, Schmerzen und das Warten auf die Nacht, in der ich endlich schlafen konnte und ein paar Stunden Ruhe vor mir selbst hatte.
Freunde beklagten sich: Wenn es mir schlecht gehe, solle ich doch anrufen und mit ihnen über meine Probleme sprechen. Doch solche Probleme hatte ich nicht. Konflikte und Überforderungen führen zwar in die Depression, dann aber wird man von einem autonomen System regiert, das einem jede Sekunde die totale Sinnlosigkeit jeglichen Seins und Handelns erklärt.
Ab einer gewissen Schwere der Depression geht es dann nur noch um eines: überleben. Die einzige, die ich immer ertrug, war die wundervolle Anne. Sie hat sofort verstanden, dass sie nichts tun konnte, außer da zu sein. Und das war sie, obwohl ich mich in der ersten Depression von ihr getrennt hatte.
Die Ärzte haben versagt
Meine Ärzte haben mit einer Ausnahme komplett versagt. Der erste unterschätzte meine Depression völlig und verschrieb mir dann ein falsches Medikament, weil er mich mit einem anderen Patienten verwechselte.
Der nächste verweigerte mir ein modernes, aber gängiges Antidepressivum, weil es ihm zu teuer war.
Der renommierte Chefarzt einer Privatklinik schließlich sah bei mir keinerlei Ansatz für eine Gesprächstherapie und sagte, ich könne mich sowieso "auf Rückschläge noch und nöcher" gefasst machen.
Ich bin keine Ausnahme, die ärztliche Versorgung von Depressiven in Deutschland ist eine Katastrophe. Ich weiß von Psychiatern, die die erfolgreichen modernen Medikamente nicht einmal kennen, und es gibt immer noch zahlreiche Kliniken, die Depressive aus reiner Bequemlichkeit mit Tranquilizern ruhigstellen.
Ich hatte Glück, dass ich irgendwann einen Arzt fand, der mich ernst nahm. Aus reiner Notwehr hatte ich so viel über die Behandlung von Depressionen gelesen, dass ich für jeden anderen Psychiater eine Bedrohung war. Mein neuer Arzt hatte keine Allüren, mit ihm konnte ich offen über meine Medikation diskutieren.
Tagelanges Erbrechen
Wir probierten alles aus: Trevilor, Reboxetin, Abilify, Cipralex, ich hatte unzählige Nebenwirkungen, von tagelangem Erbrechen bis hin zu dem Gefühl, Elektroschocks zu bekommen. Am Ende half mir Lamotrigin, das ursprünglich für Epileptiker entwickelt wurde. Nachdem ich es drei Wochen lang genommen hatte, konnte ich endlich wieder arbeiten; wenn auch nur vier bis fünf Stunden täglich und unter enormer Anstrengung.
Im Vergleich zu den vergangenen drei Jahren geht es mir heute gut. Die Depression ist weg, allerdings leide ich noch an Restsymptomen wie Konzentrationsstörungen oder schneller Ermüdung. Andere Menschen, selbst die, die mich gut kennen, merken davon nichts. Natürlich hadere ich manchmal damit, dass mir die Krankheit drei Jahre meines Lebens geklaut hat.
Es gab zwar auch helle Stunden, die ich dann meist wie besessen zum Schreiben ausgebeutet habe; mit Leben hatte das alles aber nichts zu tun. Trotzdem klingt die Rede von der "Krankheit als Chance" für mich nicht nach Phrase. Ich habe viel gelernt - auch, Entscheidungen nicht mehr zu zergrübeln.
Als ich gefragt wurde, ob ich über meine Depression schreiben wolle, habe ich sofort zugesagt. Es gelingt mir allerdings nicht, Robert Enkes Selbstmord irgendetwas Gutes abzugewinnen, auch wenn durch ihn viele endlich verstanden haben, dass die Depression eine tödliche Krankheit sein kann .
Ich war selbst Torwart, ich habe Robert Enke schon mit 14 bewundert und tue es bis heute. Dass er tot ist, habe ich noch nicht ganz begriffen. Und wenn ich es tue, wird er mir furchtbar fehlen.
http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,661554,00.html